Interview

Judith Drewke

Ich möchte dabei helfen, dass Einzelhandel und Gastronomie gemeinsam eine lautere Stimme haben.


Judith drewke neu

Teil 2

Was war für Dich bislang der größte Lerneffekt?
Dass man immer in Bewegung bleiben muss. Man sollte zwar fokussiert sein auf das was man machen möchte, aber gleichzeitig muss man auch offen bleiben. Nur weil eine Entscheidung getroffen wurde, ist sie nicht in Stein gemeißelt. Man sollte immer wieder nachprüfen, ob alles so passt, wie es gerade ist. Wenn man selbständig sein möchte, dann muss man in Bewegung bleiben. Ein weiterer Lerneffekt ist, dass man miteinander reden muss. Alleine schafft man es nicht.

Nachhaltigkeit muss sexy sein!

Was hat Dir persönlich bei schwierigen Zeiten geholfen?
Am meisten über schwierige Zeiten hinweggeholfen hat mir die Tatsache, dass ich immer noch an mich glaube. Ich glaube, trotz aller Änderungen, an die Idee und denke, dass ich auf einem guten Weg bin. Und nicht zuletzt sind es mein Mann und mein Kind, die mich jeden Abend wieder erden, egal was am Tag passiert ist.


Du sagst, Du baust ein Netzwerk innerhalb des Einzelhandels auf. Wie kann man sich das vorstellen?
Kurz nachdem ich in meinen Laden in der Altstadt gezogen bin, lernte ich Stefanie Jung von „best of Mainz“ kennen. Ich hatte sie angeschrieben und gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, eine nachhaltige Stadtführung mit mir zu machen. Ich hatte Lust, es auszuprobieren und sie war offen und hat sehr schnell zugesagt. Dann kamen wir beide auf Tatiana Herda Muñoz, die wir beide kannten und uns war klar, dass sie für die Nachhaltigkeitsthemen die Richtige ist. Zu dritt haben wir dann die „Nachhaltigkeitstour“ gestartet. Die Tour wuchs allerdings nie über 15 Personen. Ab dem Moment, als wir es in „Urban Mainz“ umbenannt haben, war die Hütte voll. Das war übrigens auch ein guter Lerneffekt: Nachhaltigkeit muss sexy sein! Insgesamt haben wir vier Touren zusammen organisiert. Mittlerweile sind sie alle sehr schnell ausgebucht.

Das hat mir auf Dauer aber nicht gereicht und ich begann, mich umzusehen. In der Altstadt bin ich dann auf drei bis vier alteingesessene Vereine gestoßen, die sich um gemeinsame Werbung kümmern. Die Strukturen haben auf mich jedoch nicht sehr einladend und eher unmodern gewirkt. Deshalb war mein Ziel, etwas Junges und Frisches zu schaffen – und dabei niemanden auszuschließen. Ich habe dann einfach alle Ladenbetreiber und Gastronomen, die mir über den Weg liefen eingeladen. Auch weil ich es selbst total spannend fand, die Menschen und Geschichten kennenzulernen. Wir sind eine Kerngruppe von knapp 15 Personen aus Einzelhandel und Gastronomie. Mit der Gruppe kann man schöne Aktionen planen: Feste, ein gemeinsames Branding, einen Blog mit den aktuellen Neuigkeiten und vieles mehr. Die Gruppe kann sich die Kosten teilen und jemanden gemeinsam z. B. für einen Vortrag oder Workshop buchen. Oder es entstehen andere Kooperationen untereinander. Zukünftig möchte ich mit FRAIGAIST diese Gruppe ‚leiten‘ und die Administration übernehmen. Die Mitglieder zahlen eine monatliche Gebühr und erhalten Vergünstigungen auf Workshops und Veranstaltungen – und natürlich eine enorme Zeit- und Kostenersparnis. Später wird das Konzept auch in anderen Städten ausgerollt.

Mit dem Label kann ich testen, welche Kommunikationsstrategien funktionieren können.

Wie ist Deine Erfahrung in Bezug auf die finanziellen Möglichkeiten und Vorstellungen, wenn es um nachhaltige Mode geht?
Zu Beginn hatten wir eine Designerin im Laden, die Einzelstücke auf Manufakturebene angefertigt hat. Da diese Art von Produktion fast unbezahlbar ist, haben wir die Produktion nach Sachsen ausgelagert. Uns ist es sehr wichtig, dass Händler fair bezahlt werden. Das wiederum hat sich nicht mit den Margen vereinbaren lassen, die wir in anderen Geschäften hätten nehmen müssen. Deshalb haben wir entschieden, die Kleidung nur online und im Laden in Mainz zu verkaufen. Zudem experimentiere ich mit Preismodellen: Ich nenne den Einkaufspreis und die Menschen können zusätzlich zum Einkaufspreis zahlen, was es ihnen Wert ist. Man kommt dadurch mit den Kunden sehr gut ins Gespräch.

Du sagst, dass Du das Label in Zukunft noch mehr als „Versuchskaninchen“ führen willst. Was meinst Du damit?
Mit dem Label kann ich testen, welche Kommunikationsstrategien funktionieren können. Wie sehr muss sich Mode gängigen Trends ergeben? Wie kann man als kleiner Laden z. B. gegen die großen Rabatte der Konzerne ankommen?

Was ist für Dich der Hebel, der bei uns Menschen umgelegt werden muss, damit wir uns über die größeren Zusammenhänge bewusst werden?
Ich glaube, man muss Menschen zeigen, dass Nachhaltigkeit, ökologisches und soziales Handeln nichts Schlimmes ist (lacht). Es macht doch viel mehr Spaß, bewusst einzukaufen. Sich über diese Dinge bewusst zu werden, dauert aber eine Weile. Als ich damals mein erstes richtiges Geld verdient habe, wurde das Shoppen damit zelebriert. Wir haben uns einen ausgiebigen Shopping-Tag mit Frühstück gegönnt. Heute machen wir dafür andere Sachen, die viel mehr Spaß machen. Damals war Shoppen Befriedigung, heute brauche ich das nicht mehr. Durch Jana Blume zum Beispiel kam ich zu Vintage. Sie erzählt die Geschichte ihrer Kleidungsstücke und das macht viel mehr Spaß.

Neben dem Weltverbessern darf das Wohlbefinden und der Genuss nicht vergessen werden.

Welche Menschen, Unternehmen und Projekte sorgen in Mainz für mehr Lebensqualität und sollten nicht übersehen werden?
Die eben genannte Jana Blume, dann auf jeden Fall Tatiana Herda Muñoz mit ihren Ideen und ihrer Weitsicht zu Entwicklungen in Mainz und der Tatsache, dass sie die Politik dabei mitnimmt. Ansonsten ist es tatsächlich schwierig einzelne zu nennen, weil mich die komplette Szene der jungen Unternehmer_innen inspiriert. Die Bar jeder Sicht ist zum Beispiel wirklich besonders und toll, auch für Heteros. Paul von der Kaffeekommune ist als Mensch auch wahnsinnig inspirierend, Felix von Peacefood habe ich vor kurzem kennengelernt und finde ihn auch sehr spannend. Die Szene um das M1 ist interessant, aber das muss ich mir noch eine Weile ansehen, um mehr dazu sagen zu können. Ansonsten Norma von Salute, das Möhrenmilleu. Bei Jan von Gasthaus Willems finde ich es toll, wie er als sehr junger Mensch ein so gehobenes Lokal führt. Aber auch zum Beispiel die Weinraumwohnung oder das Eulchenbier. Es gibt viele Projekte die, obwohl sie schon gewachsen sind, immer noch ein Interesse daran haben, ihre Stadt weiterzuentwickeln. Das freut mich zu sehen. 

Wenn Du die Zukunft von Mainz bestimmen könntest, was würdest Du direkt anpacken?
Ich wohne seit 2011 in Mainz und habe mich direkt in die Stadt verliebt. Es passiert hier sehr viel. Sowohl positive als auch negative Dinge. Negativ ist, dass es einen Ort wie die Planke Nord nicht mehr gibt und junge/alternative Kultur im Allgemeinen zu wenig Beachtung findet. Ich würde als Erstes den Ausbau von Fahrradwegen vorantreiben und das Karstadtgebäude abreißen und dort einen Citypark mit vielen kulturellen Angeboten aufbauen. Außerdem sollte es viele kleine freie Kulturorte in der Stadt geben, mit guter Musik oder Poetryslam. Denn neben dem Weltverbessern darf das Wohlbefinden und der Genuss nicht vergessen werden. Wenn man diese Balance schafft, hat man auch als Stadt gezeigt, dass Nachhaltigkeit schön sein kann.

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Changemaker: Judith Drewke

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