Maja Göpel und Sven Prien-Ribcke über die Utopie-Konferenz und das neu denken unserer Welt

Gerade in Transformationszeiten ist das große und visionäre Denken sehr wichtig.

Job/Beruf

Leiter der akademischen Veranstaltungen am Leuphana College

Themen

Afrika, Bildung, BNE, Community Building, Degrowth, Demokratie, Digitalisierung, Entwicklungszusammenarbeit, Europa, Festivals, Flüchtlingssolidarität, Fundraising, Gerechtigkeit, Grundeinkommen, Konferenzen, Nachhaltigkeit, Philosophie, Politik, Wirtschaft der Zukunft, Wissenschaft


Global Goals


1 No Poverty

No Poverty

Armut in allen ihren Formen und überall beenden

2 Zero Hunger

Zero Hunger

Den Hunger beenden, Ernährungssicherheit und eine bessere Ernährung erreichen und eine nachhaltige Landwirtschaft fördern

4 Quality education

Quality education

Inklusive, gleichberechtigte und hochwertige Bildung gewährleisten und Möglichkeiten lebenslangen Lernens für alle fördern

5 Gender equality

Gender equality

Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen

10 Reduced Inequalities

Reduced Inequalities

Ungleichheit in und zwischen Ländern verringern

13 Climate Action

Climate Action

Umgehend Maßnahmen zur Bekämpfung des Klimawandels und seiner Auswirkungen ergreifen*

16 Peace, Justice, And Strong Institutions

Peace, Justice, And Strong Institutions

Friedliche und inklusive Gesellschaften für eine nachhaltige Entwicklung fördern, allen Menschen Zugang zur Justiz ermöglichen und leistungsfähige, rechenschaftspflichtige und inklusive Institutionen auf allen Ebenen aufbauen


Projekte & Communities

Coronatagträume

Utopie-Konferenz


Profil anzeigen
Die Utopie-Konferenz der Leuphana Universität Lüneburg fand 2018 zum ersten Mal statt. Vom 24. bis 27. August 2021 lädt die Utopie-Konferenz erneut zum Philosophie-Festival und demokratiepolitischen Experiment an die Leuphana Universität Lüneburg ein. Aber auch schon in der Zeit vor der Konferenz - ab Ende Februar – wird utopisch gedacht und zur Mitgestaltung eingeladen. Über Hintergründe und Ausblicke berichten die Gastgeberin Maja Göpel und der Konferenzleiter Sven Prien-Ribcke im Interview.


Interview: Daniela Mahr, Januar 2021
Fotos: Maja Göpel: Jelka von Lange, Sven Prien-Ribcke: Marvin Sokolis

Es kamen demokratische Kreativität, wohlwollende Nachdenklichkeit und visionäre Vorfreude zusammen, um eine andere, die nächste Gesellschaft auszuleuchten.


Für diejenigen, die 2018 nicht an der Konferenz teilnehmen konnten: Was macht die Utopie-Konferenz besonders? Wer war da, welche Programmpunkte und Highlights gab es?

Sven Prien-Ribcke: Beeindruckt haben mich vor allem die Teilnehmenden – gut 300 Studierende und 300 engagierte Bürger:innen aus der ganzen Republik. Hier kamen demokratische Kreativität, wohlwollende Nachdenklichkeit und visionäre Vorfreude zusammen, um eine andere, die nächste Gesellschaft auszuleuchten. Wichtig waren die beiden Magnete: Die große Bühne im Libeskind-Auditorium mit inspirierenden Gästen – von Kübra Gümüşay und Anke Domscheit-Berg bis hin zu Benny Adrion und Gunter Dueck.

Die Konferenz-Oase mit ihren Utopie-Cafés und Werkstätten war der Ort der Teilnehmenden: ein Freiraum für utopische Fragen und Versuche, für Zweifel und den Mut, Fortschrittliches und Widerständiges weiterzudenken. Gastgeber war Richard David Precht, der auch 2021 mit dabei sein wird und diesmal gemeinsam mit Maja Göpel zur Utopie-Konferenz einlädt. Maja, du gehörtest 2018 noch zu unseren Gästen. Wie hast du die Utopie-Konferenz erlebt?  

Maja Göpel: Für mich war der Ort und die Stimmung sehr besonders. Ein Campus wie in Lüneburg und dann noch so ein tolles Gebäude haben viele Begegnungen und spontanes Verweilen zugelassen. Auch war die Spannbreite der Themen natürlich großartig und der Mut zu neuen Formaten. Harald Welzer und ich wussten bis zum Abend vorher ja nicht einmal, dass keine Moderation mehr vorgesehen war, sondern wir einfach improvisieren sollen (lacht).



Wie kam es überhaupt dazu, dass die Leuphana Universität eine Utopie-Konferenz ins Leben ruft?


Sven Prien-Ribcke:
Das Zusammenspiel von Kritik und Zukunftsdenken passen ganz gut zur Leuphana Universität. Mit dem Leuphana Bachelor haben wir ein Studienmodell, das sich fachüberschreitend den großen Fragen stellen möchte. Eine eigene Fakultät Nachhaltigkeit, Forschungsschwerpunkte zur digitalen Gesellschaft und das Anliegen, sich dialogisch in die Zukunftsgestaltung einbringen zu wollen, sind eine gute Umgebung für eine gesellschaftsoffene Utopie-Konferenz an einer Universität. Wie immer braucht es Menschen, die dann eine Initiative ergreifen. Hier kamen Gelegenheit und Bereitschaft zusammen.
 
Es geht nicht um die eine perfekte Welt.


Bevor wir über die kommende Konferenz sprechen, eine Frage an euch beide: Wie sieht eure Utopie einer lebenswerten Zukunft aus und warum ist es so wichtig, dass wir utopisch und groß denken?


Maja Göpel:
Gerade in Transformationszeiten, wie wir sie heute ja unbestreitbar erleben, ist das große und visionäre Denken sehr wichtig. Es kommt selten vor, dass viele der Selbstverständlichkeiten und strukturellen Logiken eines Status Quo gleichzeitig ins Wanken kommen. Eine Ära geht zu Ende und damit auch die nur schwerfällig veränderbaren Institutionengefüge mit ihren Pfadabhängigkeiten.

In der Transformationsforschung machen wir den Vergleich mit der industriellen Revolution, wenn wir das Ausmaß der Veränderungen heute beschreiben wollen. Das war auch die Zeit der Aufklärung, es wurden Gepflogenheiten radikal hinterfragt und auch der Blick auf menschliche Möglichkeiten neu ausgerichtet.


Sven Prien-Ribcke: Geht es wirklich nur um die eine große Utopie? Für mich ist die Kritik an radikaler Ungerechtigkeit ebenso wichtig wie das demokratische Versprechen, dass wir Grausamkeit und ungerechtfertigte Herrschaft überwinden können. Utopisch zu denken, kann dann bedeuten, Wege zu gerechteren Gesellschaften offen zu halten. Auf den Plural kommt es dabei an.

Gute Geschichten für morgen könnten gerade für die erschöpften Demokratien des Westens zu einer Art Lebensmittel des Jahrzehnts werden.
Es geht nicht um die eine perfekte Welt. Perfektionismus und Rigorismus verdunkeln im Handumdrehen die eigentlich utopischen Ziele und verwunden die offene Gesellschaft. Es geht um die Möglichkeit, Ungerechtigkeit jederzeit zur Sprache zu bringen und um die demokratische Leidenschaft, öffentlich um gerechtere Pfade zu ringen.

Die Zumutung liegt darin, dass wir mit der Gerechtigkeitssuche nie fertig werden. Die gute Nachricht lautet: Das utopische Denken und Handeln befreit uns in bedrängten Lagen mit Geschichten für morgen. Gute Geschichten für morgen könnten gerade für die erschöpften Demokratien des Westens zu einer Art Lebensmittel des Jahrzehnts werden.


Liebe Maja, der Buchtitel deines neuen Buches „Unsere Welt neu denken“ passt gut zu dem reflecta - Motto „rethink your world“. Wie interpretierst du das Neudenken unserer Welt in deinem Buch und welche Konsequenzen sollten dem Denken folgen?

Maja Göpel: In dem Buch ziehe ich die Verbindung zur Zeit der Aufklärung und industriellen Revolution und zeige, dass viele der zentralen Ideen über menschliche Entwicklung in der Zeit damals eine liberale Agenda verkörpert haben mit dem Ziel, bisherige Strukturen und Selbstverständlichkeiten zu überwinden. Damals befanden wir uns aber in einer „leeren Welt“, wie Hermann Daly es formuliert hat: wenige Menschen, geringer pro Kopf Konsum und scheinbar endlose Naturreserven.

Heute hat sich das fast ins Gegenteil verkehrt, wir leben in einer „vollen Welt“ mit vielen Menschen, hohem pro Kopf Konsum und sehr wenig verbleibenden Naturreserven. Daher rühren ja auch viele der Krisen heute: die Leitgedanken guten Wirtschaftens stammen aus dem 19. Jahrhundert, wir leben nun aber im 21. Jahrhundert. Eine aufklärerische Agenda muss diese veränderte Realität voranstellen und dann bessere Konzepte denken – und umsetzen. Eine Rekonfiguration bisheriger Lösungen, da sie eben nicht mehr fit4future sind.

Eine Alternative sollte sich heute nicht mehr stärker rechtfertigen müssen als die Fortsetzung des Status Quo.


Auf was dürfen wir uns im Hinblick auf die kommende Konferenz besonders freuen?


Maja Göpel:
Mein Ziel ist es, dass wir die Beweislast umdrehen und damit den Möglichkeitsraum des Handelns weit aufspannen. Eine Alternative sollte sich heute nicht mehr stärker rechtfertigen müssen als die Fortsetzung des Status Quo. Denn utopisch sind bei genauem Hinsehen doch genau diejenigen, die immer noch von einer Normalität sprechen, zu der wir zurückkehren können.

Sven Prien-Ribcke: Wir arbeiten mit großem Elan an einer Utopie-Konferenz im August – fraglos mit den Unsicherheiten der Pandemie. Es wird Inspiration auf den Bühnen geben und zugleich experimentieren wir mit Formaten, in denen die Teilnehmenden die Zukunft erkunden.

Das fühlt sich zu Beginn des Jahres noch weit weg an. Deshalb beginnen wir jetzt: Vom 23. bis zum 25. Februar senden wir jeden Abend utopische Impulse aus unserem eigenen TV-Studio. Verraten kann ich schon jetzt: Maja Göpel und Richard David Precht loten Ideen für eine Gesellschaft nach Corona aus. Wir starten mit drei großen Fragezeichen: Geht es mit der Arbeit, dem Wohlstand und der Demokratie einfach so weiter oder erfinden wir die nächste Gesellschaft?

reflecta.network wird dann übrigens der digitale Treffpunkt zur Utopie-Konferenz. Hier können wir Ideen weiterdenken, Teile des Programms mitgestalten und uns verabreden.
Mehr: www.leuphana.de/utopie
https://www.reflecta.network/seite/utopie-konferenz



Maja Göpel
Maja Göpel gehört zu den gefragtesten Ökonom:innen der Republik. Zusammen mit Richard David Precht führt sie durch die Utopie-Konferenz 21. Die Transformationsforscherin ist Gastprofessorin an der Leuphana Universität Lüneburg, Mitbegründerin von Scientists4Future und Forschungsdirektorin am New Institute in Hamburg. 2021 ist für Maja Göpel ein Fenster der Möglichkeit.
https://www.maja-goepel.de

Sven Prien-Ribcke
Sven Prien-Ribcke leitet am Leuphana College die innovativen Veranstaltungsformate. Zum zweiten Mal bereitet er mit einem großen Team die Utopie-Konferenz vor. Der Politikwissenschaftler kuratiert seit über 10 Jahren Großkonferenzen zur nachhaltigen Entwicklung, lehrt mit Leidenschaft an der Universität Lüneburg und interessiert sich für Fragen der demokratiepolitischen Bildung und der politischen Philosophie.
https://reflecta.network/changemaker/sven-prien-ribcke
 

Interviews

Wir benutzen Cookies, um dir die bestmögliche Erfahrung mit der Plattform zu bieten. Mehr Informationen