Interview

Marlene Haas

Mein Anliegen ist es, kleine Betriebe und Verbraucher*innen zusammenzuführen und beide darin zu unterstützen, ihre Arbeit nachhaltiger zu gestalten.

Dsc 3203

Job/Beruf

Beratung, Campaigning, Projektmanagement, Organisationsentwicklung, N.Check für KMU, Inklusion


Interessen

Aktivismus, Beratung, BNE, Corporate Social Responsibility, Ehrenamt, Gemeinschaft, Inklusion, Organisationsentwicklung, Social Media Marketing, Wirtschaft der Zukunft

Projekte

get active oder Mobilität beginnt im Kopf
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Marlene Haas gehört zu der neuen Generation von Querdenker*innen. Bereits im Alter von 21 Jahren gründete sie ihr erstes Unternehmen KULTpour, arbeitete als Veranstaltungskauffrau für Kulturevents in Frankfurt und holte eine der größten Verbrauchermessen für nachhaltigen Konsum in Deutschland in die Stadt. Soziales liegt ihr sehr am Herzen und auch vor größeren Herausforderungen scheut sie nicht zurück. Aus dieser Motivation heraus gründete sie 2014 die Lust auf besser leben gGmbH, ein gemeinnütziges Unternehmen, das mit diversen Angeboten nachhaltige Entwicklung und nachhaltiges Handeln fördert. Die Verbindung zwischen Gemeinwohl und Wirtschaft ist einer ihrer wichtigsten Erfolgsfaktoren.

Interview: Anais Quiroga, Februar 2019


Marlene, Du bist geschäftsführende Gesellschafterin und Gründerin von der Lust auf besser leben gGmbH (LABL). Wie beschreibst Du Eure Arbeit?
LABL unterstützt als gemeinnütziges Unternehmen die nachhaltige Entwicklung in der Frankfurter Region. Einerseits sind wir Wirtschafts- bzw. Dienstleistungsbetrieb und führen u.a. Nachhaltigkeitsberatungen mit diversen Unternehmen durch, schreiben Nachhaltigkeitsberichte und organisieren unterschiedliche Veranstaltungen und Beratungsprojekte zum Thema nachhaltiges Handeln, Leben und Wirtschaften. Zum anderen kofinanzieren wir durch den Wirtschaftsbetrieb verschiedene Projekte im gemeinnützigen Bereich, die das Ziel haben, Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltiger zu gestalten. Dazu gehören Projekte wie das Konzipieren eines Mehrwegbecher-Pfandsystems, der Aufbau eines Netzwerkes für Kleinstbetriebe, sowie auch die Unterstützung dieser Betriebe in ihren unterschiedlichen Themengebieten. Hierbei orientieren wir uns immer an den 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen. Ähnlich wie unsere Arbeit, sind diese Ziele sehr hetero-gen und erlauben uns, unsere Projekte je nach Bedarf unterschiedlich zu gewichten und den Fokus auf verschiedene Themengebiete zu setzen.

Ich glaube an eine Nachhaltigkeitskultur, die sich Veränderungen offen gegenüber zeigt und sich sowohl auf die Umwelt als auch auf die Mitmenschen positiv auswirkt.

Wie kam es dazu, dass Du LABL gegründet hast?
Bevor es LABL gab, arbeitete ich als Veranstaltungs- und Marketingmanagerin bei KULTpour, ein Unternehmen, das ich selbst gegründet hatte. Schon damals hatte ich den Wunsch, meine Arbeit auf das Thema Nachhaltigkeit zu fokussieren. Über viel Recherche bin ich schließlich auf einige Veranstaltungsmessen gestoßen, die vieles in dem Bereich machen. Da ich Veranstaltungskauffrau bin, dachte ich, dass das Konzept ganz gut zu mir passen könnte. Im Jahr 2013 unterstützte ich den allerersten Heldenmarkt in Frankfurt, der heute zu den größten Verbrauchermessen für nachhaltigen Konsum in Deutschland gehört. Hierüber lernte ich viele Unternehmen kennen und entschloss, selbst aktiv zu werden. Meine Vorstellung war, kleine Betriebe und Verbraucher*innen zusammenzuführen und beide Zielgruppen darin zu unterstützen, ihre Arbeit nachhaltiger zu gestalten. Es geht mir dabei nicht um die Beschaffung von Nachhaltigkeitssiegeln, sondern Menschen dazu zu bewegen, die Welt ein bisschen besser machen zu wollen. Eine gesunde Neugier und die Bereitschaft zu lernen, sind für mich die wichtigsten Faktoren. Deshalb entschied ich mich LABL zu gründen.

Du bist zusammen mit Alexandra von Winning geschäftsführende Gesellschafterin. Wie habt Ihr zueinander gefunden und wie würdet Ihr Eure Zusammenarbeit beschreiben?
Ich habe Alexandra über eine gemeinsame Freundin kennengelernt. Sie hat sich damals in der Nachhaltigkeitsberatung und Strategieentwicklung selbstständig gemacht. Ich merkte sofort, dass sie genau die Kompetenzen besaß, die mir in LABL noch gefehlt haben. Vom Prinzip her übernimmt Alexandra den Teil der Unternehmensberatung, schreibt Nachhaltigkeitsberichte und bietet Strategieworkshops zum Thema „Responsible Leadership“ und Wirtschaftsethik an. Ich wiederum beschäftige mich viel mit der Organisation von Veranstaltungen und partizipativen Projekten. Ich arbeite also auf kleiner, lokaler Ebene, während Alexandra in der Beratung von Unternehmen und Organisationen tätig ist. Im gemeinnützigen Bereich leitet sie viele Projekte zum Thema Inklusion am Arbeitsplatz und koordiniert zudem das Nachhaltigkeitsbotschafter-Netzwerk. Trotzdem ist es sehr wichtig, dass wir beide den gesamten Überblick über die Projekte haben, für den Fall, dass eine von uns ausfällt. Die Zusammenarbeit macht sehr viel Spaß und ich glaube, dass wir uns sehr gut ergänzen.

Zusammen unterstützt Ihr nachhaltige Entwicklung in unterschiedlichen Lebensbereichen. Wie kann man sich die Dienstleistung von LABL vorstellen?
Unsere Dienstleistung ist sehr heterogen und kann je nach Einsatzgebiet stark variieren. Viele Unternehmen kommen manchmal mit einer bestimmten Vorstellung zu uns oder sind bereits im Bereich nachhaltiger Entwicklung aktiv. Unsere Aufgabe ist es, sie im Ausbau dieser Pläne zu unterstützen. Hierfür bieten wir von Strategieplanungen über Beratungsworkshops bis hin zur Organisation und Planung von Projekten und Kampagnen die verschiedensten Dienstleistungen an. Unsere Dienstleistung ist sehr individuell und auf alle Unternehmen unterschiedlich zugeschnitten.

Wie finanziert Ihr Euch?
Wir arbeiten sowohl als gemeinnütziges-, als auch als Wirtschaftsunternehmen. Deshalb sprechen wir an dieser Stelle immer von einer Misch-Finanzierung. In einer normalen GmbH werden im Idealfall Gewinne erwirtschaftet, die sich Gesellschafter am Ende auszahlen können. Bei LABL ist es jedoch so, dass wir diese Überschüsse dafür einsetzen, den gemeinnützigen Betrieb zu finanzieren. Zudem sind wir aber auch auf Fördergelder angewiesen.

Was waren bisher Eure wichtigsten Projekte?
Im gemeinnützigen Bereich ist Cup2gether momentan eines meiner wichtigsten Projekte. Um den Plastikmüll in Bornheim und Nordend zu reduzieren entwickelten wir anfänglich ein Mehrwegbecher-Pfandsystem und zogen dafür viele Cafés und Kleinhändler aus der Umgebung heran um dies-zu testen. Da wir durch unsere mehrjährige Erfahrung und der Zusammenarbeit mit Gewerbevereinen und Stadteilen lokal stark verwurzelt sind, funktioniert das System mittlerweile sehr gut und wird bald in ganz Frankfurt eingesetzt. Ein weiteres und wichtiges Projekt ist das Personalforum Inklusion, das wir zusammen mit der Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main, der Stadt Frankfurt und dem Netzwerk Inklusion e.V. aufgebaut haben. Das Ziel ist es, Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit Behinderungen zusammenzuführen, um herauszufinden, wie am besten zusammengearbeitet werden kann. Wir wollen das Thema Inklusion am Arbeitsmarkt praxisnah stärken und ich finde es sehr beeindruckend, dass so viel Interesse besteht. Beim letzten Personalforum im November 2018 haben mehr als 600 Leute teilgenommen.

Als junge Chefin, mit Mitarbeiter*innen, die teilweise viel älter waren als ich, merkte ich, dass es enorm wichtig ist eine wertschätzende Kultur zu entwickeln und auf Augenhöhe zu interagieren.

Ihr geht in Eurer Arbeit nach bestimmten Werten vor…
Ja, diese Werte sind bereits bei der Gründung entstanden. Ich habe mir sehr viele Gedanken gemacht, auf welcher Basis ich mein Unternehmen aufbauen kann. Als junge Chefin, mit Mitarbeiter*innen, die teilweise viel älter waren als ich, merkte ich, dass es enorm wichtig ist eine wertschätzende Kultur zu entwickeln und auf Augenhöhe zu interagieren. Zum einen versuchen wir, eine gesunde Fehlerkultur zu leben. Das hat für mich Priorität, weil dadurch der Druck aus dem täglichen Arbeitsleben herausgenommen und verhindert wird, dass Probleme kaschiert und dadurch schlimmer werden. Zum anderen ist der gegenseitige Respekt untereinander sehr wichtig, in dem Sinne haben unterschiedliche Meinungen und Perspektiven ihre Daseinsberechtigung und müssen unbedingt in den Prozess einbezogen werden. Beim Thema Nachhaltigkeit ist dieser Aspekt immer sehr spannend, da ich häufig das Gefühl habe, dass viele Menschen der Überzeugung sind, es gäbe nur die eine richtige Lösung für das Problem. Mit so einer Einstellung begibt man sich meiner Meinung nach auf eine Ebene, die sich nicht mehr auf Augenhöhe abspielt. Das versuchen wir zu vermeiden.

Was war im Gründungsprozess die größte Herausforderung und der größte Lerneffekt für Dich?
Ich habe zum einen lernen müssen, auf mein Bauchgefühl zu vertrauen, zum anderen aber auch, nicht immer alle Ratschläge anzunehmen. Es war ein langer Prozess, der sich für mich jedoch aus-gezahlt hat. Auch mein Selbstvertrauen musste sich mit der Zeit entwickeln. Die Furcht vor Fehlern war immer sehr präsent, doch je mehr Erfahrungen ich sammelte, desto geringer wurde sie. Am Anfang war ich sehr von der Verwaltung erschlagen, die mit der Gründung einhergeht. Ich kannte davor nur das Einzelunternehmen und war an andere Abläufe gewöhnt. Ich habe mich hier sehr viel unter Druck setzen lassen, da ich immer alles richtig machen wollte. Mittlerweile weiß ich, dass dies beinahe unmöglich ist. Ich weiß aber auch, dass manche Sachen einfach ihre Zeit brauchen und Fehler wieder korrigiert werden können.

Die Furcht vor Fehlern war immer sehr präsent, doch je mehr Erfahrungen ich sammelte, desto geringer wurde sie.

Du bist noch sehr jung. Glaubst Du, dass Dein Alter eher ein Vorteil oder ein Nachteil in dem ganzen Prozess war?
Mein Alter war für mich immer eher ein Vorteil. Das liegt wohl vor allem daran, dass ich mit Anfang zwanzig keine Verantwortung für andere hatte. Ich habe beispielsweise keine Kinder. So konnte ich neue Sachen ausprobieren, ohne ein Risiko im persönlichen Leben einzugehen. Zudem war es leichter, mich an die mir gegebenen Umstände anzupassen. Ich habe vorher von einem Azubi-Gehalt und dann als Gründerin von relativ wenig Gehalt gelebt. Für mich war das nicht so ein großer Umbruch, wie bei Menschen, die immer gut verdient haben und sich dann entscheiden, ein gemeinnütziges Unternehmen zu gründen. Letztendlich glaube ich auch, dass das Vertrauen auf das eigene Bauchgefühl, sowie die Entscheidung meinen Weg zu gehen wegen meines noch jungen Alters leichter war. Ein Nachteil war, dass ich gerade zu Beginn öfter das Gefühl hatte, nicht ernst-genommen zu werden.

Was verstehst Du unter dem Begriff Nachhaltigkeit und was für eine Bedeutung hat Nachhaltigkeit für Dich persönlich?
Für mich ist Nachhaltigkeit kein Zustand, sondern ein Prozess, der sich immer wieder verändert und anpasst. Ich glaube an eine Nachhaltigkeitskultur, die sich Veränderungen offen gegenüber zeigt und sich sowohl auf die Umwelt als auch auf die Mitmenschen positiv auswirkt. Ich finde auch, dass innerhalb dieser Diskussion fast ausschließlich zukunftsorientiert gedacht wird, wobei es aber genau-so wichtig ist, die Gegenwart, bzw. die gegenwärtigen Probleme zu betrachten. Für mich entsteht eine Nachhaltigkeitskultur oder eine nachhaltige Entwicklung erst dann, wenn viel mehr Menschen in kleinen Schritten anfangen, einen bewussteren Lebensstil zu führen.

Wo liegt bei Dir der Unterschied zwischen nachhaltiger Entwicklung und nachhaltigem Handeln?
Ich finde beide Begriffe gehen Hand in Hand, denn um nachhaltig zu handeln muss ein Entwicklungsprozess stattgefunden haben. Es ist ein Kreislauf, der über das Handeln zu einer Weiterentwicklung führt, wo das Handeln aber wiederum selbst auf eine Entwicklung beruht. Den definitiven Nachhaltigkeitsbegriff finde ich sehr schwierig, weil er für mich ein Siegel darstellt, der einem vor-gaukelt was Nachhaltigkeit ist, aber andere Lebensaspekte komplett ausschließt. In diesem Zusammenhang finde ich den Entwicklungsbegriff differenzierter.

LABL hat das Ziel, die globalen Nachhaltigkeitsziele bis 2030 alltagstauglich zu machen. Welche Ziele rückt Ihr in den Fokus Eurer Arbeit?
Diese Ziele sind alle sehr unterschiedlich...


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