Interview

Michael Wunsch

Mein Ziel ist es Lösungsansätze für gesamtgesellschaftliche Probleme zu fördern und Menschen bei der Gründung eines Sozialunternehmens zu unterstützen.

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Job/Beruf


Interessen

Soziale Innovationen
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Deutschland war schon immer ein Land der sozialen und technologischen Innovationen. Dies zeigt sich durch die wachsende Anzahl an Gründungen kleiner und mittelgroßer Sozialunternehmen der letzten Jahre. Gesellschaftliches und ökologisches Engagement gewinnt mittlerweile selbst im wirtschaftlichen Sektor immer mehr an Bedeutung. So rücken im Zuge dessen Social Entrepreneurs immer weiter in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Michael Wunsch sieht sich als Experte und Ansprechpartner im Bereich des sozialen Unternehmertums in Deutschland. 2017 gründete er zusammen mit anderen Sozialunternehmer*innen das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e.V. und wurde im selben Jahr Standortleiter des Social Impact Labs in Frankfurt. Sein Ziel ist es, durch professionalisierte Angebote, Lösungsansätze für gesamtgesellschaftliche Probleme zu fördern und Menschen bei der Gründung eines Sozialunternehmens zu unterstützen.

Interview: Anais Quiroga, Februar 2019
Foto: Michael Wunsch


Soziale Unternehmer*innen sind diejenigen, die ein Auge für gesellschaftliche Herausforderungen haben und etwas dagegen unternehmen wollen.

Michael, Du bist Experte für soziales Unternehmertum. Wie würdest Du Sozialunternehmen für Dich definieren?
Sozialunternehmen bieten Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen und sind dabei wirtschaftlich profitabel. Das große Interesse daran entstand, nachdem der bengalische Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus 2006 den Friedensnobelpreis für die von ihm gegründete Grameen Bank und sein Konzept zur Armutsbekämpfung gewonnen hatte. In Deutschland fing diese Bewegung erst vor ungefähr fünf bis sechs Jahren an und ist im Vergleich zu den USA, Australien, Frankreich oder Großbritannien noch am Wachsen.

Warum glaubst Du, sind Länder wie die Vereinigten Staaten Vorreiter im Feld des sozialen Unternehmertums?
Genaue Daten gibt es dazu leider nicht. Ich glaube aber, dass in Ländern mit ausgebauten Sozialsystem, weniger Sozialunternehmer*innen gebraucht werden, da wir hier riesige Träger wie die Caritas oder die Diakonie haben, die sich mit der freien Wohlfahrtspflege auseinandersetzen. In Staaten wie den USA werden andere, eher neoliberale Herangehensweisen ausprobiert, um Probleme anzugehen.

Woraus besteht Deine Arbeit, um Social Entrepreneurship deutschlandweit zu fördern? Wie bist Du in dieses Feld hineingerutscht?
Ich habe Entwicklungszusammenarbeit studiert und war danach beruflich, auch im Ausland, in dem Bereich tätig. Ich arbeitete bei einem Verband für Integrationsfirmen und machte mich schließlich zusammen mit meiner Kollegin Birgit Heilig selbstständig. Wir entwickelten gemeinsam verschiedene Angebote, mit denen wir den Menschen das Konzept rund um Social Entrepreneurship näherbrachten. Zwischendrin gründeten wir den Verband Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND), über den wir das Social Entrepreneurship Ökosystem untereinander vernetzen, soziale und gesellschaftliche Innovationen fördern und diese vorantreiben. Infolgedessen kam schnell der Schritt, dem Social Impact Lab in Frankfurt als Standortleiter beizutreten.

Das Social Impact Lab ist für mich ein Inkubator für soziale Innovation.

Was genau ist das Social Impact Lab?
Das Social Impact Lab ist für mich ein Inkubator für soziale Innovation. Es ist ein Ort, in dem unterschiedliche Stakeholder zusammenkommen, um sich den ausgiebigen Herausforderungen der heutigen Zeit anzunehmen. Dabei suchen wir nach aktuellen und relevanten Trends, die uns dabei helfen, die Gesellschaft fairer und nachhaltiger zu gestalten.

Wie finanziert Ihr Euch?
Wir finanzieren uns durch unterschiedliche Förderpartner, wie u.a. die JPMorgan Chase Foundation, die KFW Stiftung oder die Beisheim Stiftung. Zusätzlich unterstützen uns die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und die Deutsche Bank Stiftung in einigen Projekten. Zudem vermieten wir auch unsere Räumlichkeiten und Coworking-Spaces.

Das Social Impact Lab in Frankfurt betreut zwei Projekte: ChancenNutzer und AndersGründer. Könntest Du diese Programme näher erläutern?
ChancenNutzer ist ein Programm, bei dem wir Menschen mit Migrationshintergrund bei der Gründung ihres eigenen Unternehmens unterstützen. In dem Prozess begleiten wir sie durch Coachings und diverse Workshops- Zusätzlich bieten wir ihnen die Räumlichkeiten zur Nutzung an. Unterstützt wird das Programm von der JP Morgan Foundation, die sich für die Förderung kleiner lokaler Unternehmen, sowie für die allgemeine Vorbereitung junger Menschen auf das Berufsleben einsetzt. AndersGründer ist unser sozialunternehmerisches Programm am Standort Frankfurt. Hiermit unterstützen wir Menschen mit sozialinnovativen Ideen bei der Gründung ihres nachhaltigen und wirksamen Unternehmens.

Wie genau läuft dieser Prozess ab?
Jede Person mit einer gewinnorientierten oder gemeinnützigen Idee kann sich bei uns über ein Online-Formular bewerben. Wer mit der Bewerbung überzeugt, wird zu einem Pitch-Warmup eingeladen, welche viermal jährlich stattfinden. Hier können jeweils bis zu acht Startup-Ideen vorgestellt werden, die dann die Möglichkeit haben in unser Programm aufgenommen zu werden. Eine externe Jury entscheidet darüber, ob sie von den Ideen überzeugt ist oder nicht. Bei einem erfolgreichen Pitch werden diese Personen bei uns für ein bis zu acht Monate dauerndes Programm mit Stipendium aufgenommen. Wir bieten sowohl die Nutzung der Räumlichkeiten als auch Unterstützung durch Coachings, Mentoring-Programme und Workshops an. Zusätzlich begleiten wir bei finanziellen, rechtlichen und steuerlichen Fragen und helfen bei der Vernetzung mit gründenden Personen aus der Community und etablierten Organisationen der Rhein-Main-Region.

Was sind hier die Auswahlkriterien?
Bei AndersGründer schauen wir stark auf die gesellschaftliche Herausforderung, die gelöst werden soll. Wir verlangen von niemanden einen komplett ausgefeilten Businessplan. Dennoch sind uns bestimmte Fragen wichtig. Stellt diese Idee tatsächlich eine Lösung dar? Ist diese Lösung im Vergleich zu bereits bestehenden innovativ genug und überhaupt unternehmerisch möglich? Und glauben wir, dass das Team aus den richtigen Personen zusammengesetzt ist, um diese Idee effektiv voranzubringen?

Unterstützt Ihr die Sozialunternehmer*innen auch nach der Gründung weiter?
Wir gehen davon aus, dass nach dem Programm viele der Sozialunternehmen von alleine laufen. Nichtsdestotrotz können unsere Alumni später noch von unseren Angeboten profitieren. Sie können beispielsweise bis zu drei Monate nach der Gründung unsere Räumlichkeiten weiter kostenlos nutzen und an Workshops teilnehmen.

Glaubst Du, dass es unterschiedliche Auffassungen in Bezug auf die Definition von Sozialunternehmertum gibt?
Allein in der Wissenschaft gibt es zwischen 50 und 60 Interpretationen des Begriffs, die jeweils auch einen anderen Teilaspekt von Social Entrepreneurship beleuchten. Wir richten uns im Social Impact Lab nach der etablierten Arbeitsdefinition der Europäischen Kommission. Diese geht von drei Grunddimensionen aus, die ein Sozialunternehmen erfüllen muss, um als solches anerkannt zu werden. Die erste Dimension besagt, dass ein Sozialunternehmen eine gesellschaftliche oder soziale Herausforderung lösen muss. Zweitens soll dies durch unternehmerische Mittel geschehen. Also eine unternehmerische Dimension aufweisen, die einer kontinuierlichen Tätigkeit der Produktion oder einer Dienstleistung nachgeht. Drittens muss das Unternehmen durch demokratische Prozesse gekennzeichnet sein, die partizipativ und transparent sind. Diese Dimension nennt sich die „Governance Dimension“. Alle Organisationen, die diese drei Dimensionen erfüllen, können im engeren Sinne als Sozialunternehmen verstanden werden.

Plastiktüten wurden zwar verboten, dennoch stellt dies nur die Spitze des Eisbergs dar.

Was sind diese gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen Deutschland steht?
Ehrlich gesagt wissen wir es nicht, weil sich noch niemand systematisch und strukturiert damit auseinandergesetzt hat, welche gesellschaftlichen Herausforderungen die drängendsten sind. Einige Aspekte, wie die Digitalisierung, der demographische Wandel oder die Flüchtlingskrise, werden häufig in den Medien angesprochen. Dennoch gibt es immer noch viele Bereiche, die vernachlässigt werden. Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen werden beispielsweise gar nicht erst thematisiert. Das sind Menschen, die teilweise keine Möglichkeiten haben, in einem normalen Berufsumfeld zu arbeiten und dadurch auch häufig von der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Dazu gehören auch Menschen, die an Suchterkrankungen leiden. Das ist ein großes Problem, von dem Millionen von Menschen in Deutschland betroffen sind. Zudem haben wir sehr große Herausforderungen hinsichtlich unseres Konsumverhaltens. Plastiktüten wurden zwar verboten, dennoch stellt dies nur die Spitze des Eisbergs dar. Auch das Thema der Seeschiffsfrachten wird nicht behandelt. Nur die 15 größten Schiffe allein stoßen schon mehr schädliche Schwefeloxide aus, als alle Autos der Welt zusammen. Wir sehen also, dass wir als Gesellschaft noch sehr viele Herausforderungen bewältigen müssen.

Das Thema der Finanzierung ist für Sozialunternehmen wichtig und oft nicht einfach. Was glaubst Du, sind hier die größten Herausforderungen für gründende Personen?
Im Rahmen der Ausarbeitung des Deutschen Social Entrepreneurship Monitors (DSEM) befragten wir Sozialunternehmer*innen zu den größten Herausforderungen eines Gründungsprozesses. Viele gaben Finanzierung als größtes Problem an. Der Großteil finanziert sich in den Anfängen über ein Startkapital, das entweder über Ersparnisse, Familie oder Freunden zustande kam. Viele finanzieren sich auch durch Crowdfunding oder Stiftungsförderungen, dennoch ist das Geld auch schnell wieder weg. Am schwierigsten ist es, sich über staatliche Programme fördern zu lassen. Auch bei Beträgen zwischen 100.000 Euro bis 500.000 Euro besteht eine große Lücke an Unterstützungsangeboten. Außerdem gibt es wenige Orte, an denen die eigene soziale Gründung vorangetrieben werden kann. Das Social Impact Lab bietet hierfür einen guten Mittelweg an. Mittlerweile sind wir mit unseren Programmen in zehn unterschiedlichen Standorten deutschlandweit aktiv. Darüber hinaus existieren noch weitere Anbieter, wie der Grünhof in Freiburg oder das ISSOlab in Koblenz, die das sozialunternehmerische Gründerökosystem unterstützen. Trotzdem werden Bundesländer wie Thüringen, Sachsen-Anhalt oder Hessen kaum abgedeckt. Das ist ein großes Problem, denn viele Menschen haben die Motivation etwas zu verändern, können dies aber aufgrund dieser Knappheit nicht.

Was treibt diese Menschen dazu an, Sozialunternehmer*innen werden zu wollen?
Ich würde von einer neuen Bewegung, bzw. einer neuen Ära sprechen...


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Changemaker: Michael Wunsch

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