Interview

Michael Wunsch über Sozialunternehmen, deren Herausforderungen und Chancen

Mein Ziel ist es, Lösungsansätze für gesamtgesellschaftliche Probleme zu fördern und Menschen bei der Gründung eines Sozialunternehmens zu unterstützen.

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Job/Beruf

Standortleitung, Leitung Wissenschaftliche Zusammenarbeit


Interessen

Agile Methoden, Innovationen, Kooperationen, Organisationsentwicklung, Politik, Projektmanagement, Soziale Innovationen, Soziale Innovationen im globalen Süden, Verbände, Wissenschaft
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Gesellschaftliches und ökologisches Engagement gewinnt mittlerweile selbst im wirtschaftlichen Sektor immer mehr an Bedeutung. So rücken im Zuge dessen Social Entrepreneurs immer weiter in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Michael Wunsch ist Experte und Ansprechpartner im Bereich des sozialen Unternehmertums in Deutschland. 2017 gründete er zusammen mit anderen Sozialunternehmer*innen das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e.V. und wurde im selben Jahr Standortleiter des Social Impact Labs in Frankfurt. Sein Ziel ist es, durch professionalisierte Angebote, Lösungsansätze für gesamtgesellschaftliche Probleme zu fördern und Menschen bei der Gründung eines Sozialunternehmens zu unterstützen.

Interview: Anais Quiroga, Februar 2019
Foto: Michael Wunsch


Soziale Unternehmer*innen sind diejenigen, die ein Auge für gesellschaftliche Herausforderungen haben und etwas dagegen unternehmen wollen.

Michael, Du bist Experte für soziales Unternehmertum. Wie würdest Du Sozialunternehmen für Dich definieren?

Sozialunternehmen bieten Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen und sind dabei wirtschaftlich profitabel. Das große Interesse daran entstand, nachdem der bengalische Wirtschaftswissenschaftler Muhammad Yunus 2006 den Friedensnobelpreis für die von ihm gegründete Grameen Bank und sein Konzept zur Armutsbekämpfung gewonnen hatte. In Deutschland fing diese Bewegung erst vor ungefähr fünf bis sechs Jahren an und ist im Vergleich zu den USA, Australien, Frankreich oder Großbritannien noch am Wachsen.

 
Warum glaubst Du, sind Länder wie die Vereinigten Staaten Vorreiter im Feld des sozialen Unternehmertums?

Genaue Daten gibt es dazu leider nicht. Ich glaube aber, dass in Ländern mit ausgebauten Sozialsystem, weniger Sozialunternehmer*innen gebraucht werden, da wir hier riesige Träger wie die Caritas oder die Diakonie haben, die sich mit der freien Wohlfahrtspflege auseinandersetzen. In Staaten wie den USA werden andere, eher neoliberale Herangehensweisen ausprobiert, um Probleme anzugehen.


Woraus besteht Deine Arbeit, um Social Entrepreneurship deutschlandweit zu fördern? Wie bist Du in dieses Feld hineingerutscht?

Ich habe Entwicklungszusammenarbeit studiert und war danach beruflich, auch im Ausland, in dem Bereich tätig. Ich arbeitete bei einem Verband für Integrationsfirmen und machte mich schließlich zusammen mit meiner Kollegin Birgit Heilig selbstständig. Wir entwickelten gemeinsam verschiedene Angebote, mit denen wir den Menschen das Konzept rund um Social Entrepreneurship näherbrachten.

Zwischendrin gründeten wir den Verband Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND), über den wir das Social Entrepreneurship Ökosystem untereinander vernetzen, soziale und gesellschaftliche Innovationen fördern und diese vorantreiben. Infolgedessen kam schnell der Schritt, dem Social Impact Lab in Frankfurt als Standortleiter beizutreten.

Das Social Impact Lab ist für mich ein Inkubator für soziale Innovation.


Was genau ist das Social Impact Lab?

Das Social Impact Lab ist für mich ein Inkubator für soziale Innovation. Es ist ein Ort, in dem unterschiedliche Stakeholder zusammenkommen, um sich den ausgiebigen Herausforderungen der heutigen Zeit anzunehmen. Dabei suchen wir nach aktuellen und relevanten Trends, die uns dabei helfen, die Gesellschaft fairer und nachhaltiger zu gestalten.


Wie finanziert Ihr Euch?

Wir finanzieren uns durch unterschiedliche Förderpartner, wie u.a. die JPMorgan Chase Foundation, die KFW Stiftung oder die Beisheim Stiftung. Zusätzlich unterstützen uns die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und die Deutsche Bank Stiftung in einigen Projekten. Zudem vermieten wir auch unsere Räumlichkeiten und Coworking-Spaces.


Das Social Impact Lab in Frankfurt betreut zwei Projekte: ChancenNutzer und AndersGründer. Könntest Du diese Programme näher erläutern?

ChancenNutzer ist ein Programm, bei dem wir Menschen mit Migrationshintergrund bei der Gründung ihres eigenen Unternehmens unterstützen. In dem Prozess begleiten wir sie durch Coachings und diverse Workshops- Zusätzlich bieten wir ihnen die Räumlichkeiten zur Nutzung an. Unterstützt wird das Programm von der JP Morgan Foundation, die sich für die Förderung kleiner lokaler Unternehmen, sowie für die allgemeine Vorbereitung junger Menschen auf das Berufsleben einsetzt.

AndersGründer ist unser sozialunternehmerisches Programm am Standort Frankfurt. Hiermit unterstützen wir Menschen mit sozialinnovativen Ideen bei der Gründung ihres nachhaltigen und wirksamen Unternehmens.


Wie genau läuft dieser Prozess ab?

Jede Person mit einer gewinnorientierten oder gemeinnützigen Idee kann sich bei uns über ein Online-Formular bewerben. Wer mit der Bewerbung überzeugt, wird zu einem Pitch-Warmup eingeladen, welche viermal jährlich stattfinden. Hier können jeweils bis zu acht Startup-Ideen vorgestellt werden, die dann die Möglichkeit haben in unser Programm aufgenommen zu werden.

Eine externe Jury entscheidet darüber, ob sie von den Ideen überzeugt ist oder nicht. Bei einem erfolgreichen Pitch werden diese Personen bei uns für ein bis zu acht Monate dauerndes Programm mit Stipendium aufgenommen.

Wir bieten sowohl die Nutzung der Räumlichkeiten als auch Unterstützung durch Coachings, Mentoring-Programme und Workshops an. Zusätzlich begleiten wir bei finanziellen, rechtlichen und steuerlichen Fragen und helfen bei der Vernetzung mit gründenden Personen aus der Community und etablierten Organisationen der Rhein-Main-Region.


Was sind hier die Auswahlkriterien?

Bei AndersGründer schauen wir stark auf die gesellschaftliche Herausforderung, die gelöst werden soll. Wir verlangen von niemanden einen komplett ausgefeilten Businessplan. Dennoch sind uns bestimmte Fragen wichtig.

Stellt diese Idee tatsächlich eine Lösung dar? Ist diese Lösung im Vergleich zu bereits bestehenden innovativ genug und überhaupt unternehmerisch möglich? Und glauben wir, dass das Team aus den richtigen Personen zusammengesetzt ist, um diese Idee effektiv voranzubringen?


Unterstützt Ihr die Sozialunternehmer*innen auch nach der Gründung weiter?

Wir gehen davon aus, dass nach dem Programm viele der Sozialunternehmen von alleine laufen. Nichtsdestotrotz können unsere Alumni später noch von unseren Angeboten profitieren. Sie können beispielsweise bis zu drei Monate nach der Gründung unsere Räumlichkeiten weiter kostenlos nutzen und an Workshops teilnehmen.


Glaubst Du, dass es unterschiedliche Auffassungen in Bezug auf die Definition von Sozialunternehmertum gibt?

Allein in der Wissenschaft gibt es zwischen 50 und 60 Interpretationen des Begriffs, die jeweils auch einen anderen Teilaspekt von Social Entrepreneurship beleuchten. Wir richten uns im Social Impact Lab nach der etablierten Arbeitsdefinition der Europäischen Kommission.

Diese geht von drei Grunddimensionen aus, die ein Sozialunternehmen erfüllen muss, um als solches anerkannt zu werden.

Die erste Dimension besagt, dass ein Sozialunternehmen eine gesellschaftliche oder soziale Herausforderung lösen muss. Zweitens soll dies durch unternehmerische Mittel geschehen. Also eine unternehmerische Dimension aufweisen, die einer kontinuierlichen Tätigkeit der Produktion oder einer Dienstleistung nachgeht. Drittens muss das Unternehmen durch demokratische Prozesse gekennzeichnet sein, die partizipativ und transparent sind. Diese Dimension nennt sich die „Governance Dimension“.

Alle Organisationen, die diese drei Dimensionen erfüllen, können im engeren Sinne als Sozialunternehmen verstanden werden.

Plastiktüten wurden zwar verboten, dennoch stellt dies nur die Spitze des Eisbergs dar.


Was sind diese gesellschaftlichen Herausforderungen, vor denen Deutschland steht?

Ehrlich gesagt wissen wir es nicht, weil sich noch niemand systematisch und strukturiert damit auseinandergesetzt hat, welche gesellschaftlichen Herausforderungen die drängendsten sind. Einige Aspekte, wie die Digitalisierung, der demographische Wandel oder die Flüchtlingskrise, werden häufig in den Medien angesprochen. Dennoch gibt es immer noch viele Bereiche, die vernachlässigt werden.

Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen werden beispielsweise gar nicht erst thematisiert. Das sind Menschen, die teilweise keine Möglichkeiten haben, in einem normalen Berufsumfeld zu arbeiten und dadurch auch häufig von der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Dazu gehören auch Menschen, die an Suchterkrankungen leiden. Das ist ein großes Problem, von dem Millionen von Menschen in Deutschland betroffen sind. Zudem haben wir sehr große Herausforderungen hinsichtlich unseres Konsumverhaltens. Plastiktüten wurden zwar verboten, dennoch stellt dies nur die Spitze des Eisbergs dar.

Auch das Thema der Seeschiffsfrachten wird nicht behandelt. Nur die 15 größten Schiffe allein stoßen schon mehr schädliche Schwefeloxide aus, als alle Autos der Welt zusammen. Wir sehen also, dass wir als Gesellschaft noch sehr viele Herausforderungen bewältigen müssen.


Das Thema der Finanzierung ist für Sozialunternehmen wichtig und oft nicht einfach. Was glaubst Du, sind hier die größten Herausforderungen für gründende Personen?

Im Rahmen der Ausarbeitung des Deutschen Social Entrepreneurship Monitors (DSEM) befragten wir Sozialunternehmer*innen zu den größten Herausforderungen eines Gründungsprozesses. Viele gaben Finanzierung als größtes Problem an. Der Großteil finanziert sich in den Anfängen über ein Startkapital, das entweder über Ersparnisse, Familie oder Freunden zustande kam. Viele finanzieren sich auch durch Crowdfunding oder Stiftungsförderungen, dennoch ist das Geld auch schnell wieder weg. Am schwierigsten ist es, sich über staatliche Programme fördern zu lassen.

Auch bei Beträgen zwischen 100.000 Euro bis 500.000 Euro besteht eine große Lücke an Unterstützungsangeboten. Außerdem gibt es wenige Orte, an denen die eigene soziale Gründung vorangetrieben werden kann.

Das Social Impact Lab bietet hierfür einen guten Mittelweg an. Mittlerweile sind wir mit unseren Programmen in zehn unterschiedlichen Standorten deutschlandweit aktiv.

Darüber hinaus existieren noch weitere Anbieter, wie der Grünhof in Freiburg oder das ISSOlab in Koblenz, die das sozialunternehmerische Gründerökosystem unterstützen.

Trotzdem werden Bundesländer wie Thüringen, Sachsen-Anhalt oder Hessen kaum abgedeckt. Das ist ein großes Problem, denn viele Menschen haben die Motivation etwas zu verändern, können dies aber aufgrund dieser Knappheit nicht.

Das Thema des Sinnes im Leben stellt heutzutage meiner Meinung nach den größten Antrieb dar, insbesondere für die junge Generation.


Was treibt diese Menschen dazu an, Sozialunternehmer*innen werden zu wollen?

Ich würde von einer neuen Bewegung, bzw. einer neuen Ära sprechen. Unseren Eltern war es früher wichtig, eine gute, sichere und bezahlbare Arbeit zu haben. Dieses Thema ist in der Generation Y in den Hintergrund geraten. Der Sicherheitsaspekt ist nicht mehr vorrangig, sondern vielmehr die Suche nach dem Sinn im Leben.

Die Bedürfnispyramide von Maslow (1943) veranschaulicht dieses Beispiel ganz gut. Die unterste Schicht stellt unsere Grundbedürfnisse dar und spitzt sich über die persönlichen Bedürfnisse bis hin zur Selbstverwirklichung, immer weiter zu. Das Thema des Sinnes im Leben stellt heutzutage meiner Meinung nach den größten Antrieb dar, insbesondere für die junge Generation.


Warum ist dieses Gefühl gerade bei jungen Leuten so ausgeprägt?

Ich glaube, dass es daran liegt, dass wir bereits alles haben, was wir brauchen. Ich will damit nicht sagen, dass kein Prekariat besteht. Wir haben aber gelernt wie es ist, unbekümmert und in Sicherheit aufzuwachsen. Doch mittlerweile denken viele, dass mehr zum Leben dazugehören muss.

Status misst sich nicht mehr daran, welches Auto vor der Haustür steht, sondern welche spannenden Erfahrungen man mit der Zeit gesammelt hat. Für mich ist das einer der Gründe, weshalb wir momentan so viele neue Social Entrepreneur*innen sehen. In der Sinnforschung spricht man auch von unterschiedlichen Dimensionen der Wahrnehmung.

Die horizontale Selbsttranszendenz zeichnet sich durch soziales Engagement, Naturverbundenheit und Generativität aus, die vertikale durch die Einbindung des Lebens in ein Ganzes. Ich glaube, dass diese Gefühle sehr stark bei vielen Menschen vorhanden und der vorherrschende Treiber sind.


Wo würdest Du zwischen einer NGO und einem sozial ausgerichteten Unternehmen abgrenzen?

Beides kann nicht komplett voneinander getrennt werden. Betrachten wir das sozialunternehmerische Spektrum, muss zwischen dem Grad der Wirkung und dem Grad des Profits unterschieden werden. Auf der eine Seite dieses Spektrums befinden sich die konventionellen Unternehmen, die rein profitorientiert und auf der anderen Seite die klassischen gemeinnützigen Organisationen, die wirkungsorientiert agieren.

Schließlich gibt es die Sozialunternehmen, die zwar eine gesellschaftliche Herausforderung lösen wollen, jedoch gleichzeitig unternehmerische Zwecke erfüllen. Die Gewichtung variiert anhand der unterschiedlichen Geschäftsmodelle und Themenbereiche. Daher ist es schwierig, eine genaue Abgrenzung zu finden.

Ich habe kein konkretes und spezifisches Ziel, auf das ich hinarbeite. Ich möchte vielmehr mit meinem Tun beweisen, dass es auch andere Formen des Zusammenlebens, Zusammenarbeitens und Wirtschaftens gibt.


Was für einen gesellschaftlichen Beitrag würdest Du selbst gerne leisten?

Diese Frage kann ich nur anekdotisch beantworten. Meine Mutter erzählte mir, dass ich als dreijähriges Kind öfters durch das Wohnzimmer spazierte, Plakate in die Luft hielt und für etwas demonstrierte. Diese Denkweise, wie ich die Gesellschaft fairer und nachhaltiger gestalten kann, wurde mir sozusagen in die Wiege gelegt.

Ich habe kein konkretes und spezifisches Ziel, auf das ich hinarbeite. Ich möchte vielmehr mit meinem Tun beweisen, dass es auch andere Formen des Zusammenlebens, Zusammenarbeitens und Wirtschaftens gibt. Vielleicht ist es ein naiver Traum und ein großer Wunsch von mir, aber so soll es dann sein.


Was für einen Beitrag können Sozialunternehmen leisten, um die SDGs in einer Gesellschaft, in der es fast nur noch um Wettbewerb geht, zu erreichen?

Die erste Frage, die gestellt werden muss, ist, ob Wettbewerb tatsächlich immer nur eine schlechte Sache ist. Ich glaube nicht. Ich glaube, dass Komparabilität und Kollaboration durchaus neben- und miteinander funktionieren können. Die zweite Frage ist schließlich, was Sozialunternehmen für die SDGs tun können. Die SDGs sind dafür prädestiniert, von Sozialunternehmen als Leitweg verwendet zu werden. Sie sind meiner Meinung nach ein Werkzeug, dass sehr hilfreich ist, gerade weil wir zumindest in Deutschland Probleme haben, gesellschaftliche Herausforderungen konkret zu definieren.

Es gibt keinen Maßstab, an dem wir uns entlanghangeln können. Die SDGs bieten zumindest die Möglichkeit, eine politisch verfasste Zielgerade zu erkennen. Zudem haben wir durch den Deutschen Social Entrepreneurship Monitor erkannt, dass die größten Wirkungsfelder in der eigenen Heimat und nicht im Ausland generiert werden.

Ich glaube, dass wir in Deutschland viele Probleme und Herausforderungen haben, über die wir nicht reden.


Woran liegt das?

Ich glaube, dass wir in Deutschland viele Probleme und Herausforderungen haben, über die wir nicht reden. Ich finde es deshalb umso wichtiger, sich mit Problemen zu beschäftigen, mit denen man schon direkte Berührungspunkte hat, anstatt diese auf einem anderen Kontinent anzugehen.


Findest Du es nicht wichtig, dass sich Sozialunternehmer*innen auch den Herausforderungen der Entwicklungsländer widmen?

Doch, auf jeden Fall. Ich bin deshalb ein großer Fürsprecher dafür, Strukturen des Sozialunternehmertums in Ländern des globalen Südens einzuführen. Ich finde aber auch, dass dafür keine Leute aus Deutschland oder Frankreich hingeschickt werden müssen, sondern vielmehr diejenigen unterstützt werden sollten, die bereits vor Ort sind.


Ist Social Business per Definition auch nachhaltig?

Die Frage ist, anhand welchen Faktoren Nachhaltigkeit bewertet werden kann. Die Brundtlands Kommission definierte auf politischer Ebene 1987 zum ersten Mal den Begriff der Nachhaltigkeit und der nachhaltigen Entwicklung. Diese besteht aus drei Dimensionen: die soziale, ökologische und ökonomische Dimension. Man nennt sie auch die „Triple Bottom Line“. Sozialunternehmer*innen agieren auf all diesen drei Ebenen. Sind sie aber auch gleichzeitig nachhaltig? Ich behaupte, dass sie es auf jeden Fall sein wollen. Ob dies tatsächlich der Fall ist muss überprüft werden.


Innovation ist für Euch von großer Bedeutung. Wie wichtig ist der innovative Charakter von Gründerideen?

Nach dem Gabler Wirtschaftslexikon bedeutet Innovation eine Andersartigkeit, bzw. eine Neuerung. Das heißt, dass Innovation keine Erfindung ist, sondern erstmals etwas, das anders ist. Es kann vorkommen, dass Ideen, die bereits in einem anderen Land existieren, nach Deutschland transferiert werden. Zudem kann ein Prozess, der bisher einen bestimmten Ablauf hatte, minimal verändert werden. Dies stellt beispielsweise eine inkrementelle Innovation dar. Was in der Alltagssprache unter innovativ verstanden wird, muss nicht unbedingt dem entsprechen, was in der Industrie unter dem Begriff verstanden wird.

Die gesamte Wohlfahrtspflege ist eine der größten deutschen Innovationen unserer Zeit.


In Deutschland wird viel Wert auf die technologische Innovation gelegt. Gerät dadurch das soziale Unternehmertum in den Hintergrund?

Seit Ende des 19. Jahrhunderts war Deutschland schon immer ein Land, dass von Ingenieur*innen getragen wurde. Hier siedelten sich die größten und spannendsten Unternehmen an, die ihre technologischen Produkte weltweit exportieren. Dass Deutschland jedoch auch immer ein Land der sozialen Innovationen gewesen ist, ist vielen nicht bekannt. Unter anderem wurden Versicherungen, Arbeitsschutzgesetze oder Genossenschaftsbanken mitunter in Deutschland erfunden. Die gesamte Wohlfahrtspflege ist eine der größten deutschen Innovationen unserer Zeit.

Gibt es nationale oder regionale Trends, die momentan wichtig sind und sowohl den Markt als auch die Gründerchancen beeinflussen?

Eine der spannendsten Trends geschieht momentan auf politischer Ebene. Politische Akteur*innen merken langsam, dass das Interesse am sozialen Unternehmertum immer größer wird. Auch im Koalitionsvertrag der Bundesregierung wurde mittlerweile der Begriff des sozialen Unternehmertums aufgegriffen. Dies ist ein starker Indikator dafür, dass das Thema nicht nur eine breite Öffentlichkeit betrifft, sondern auch als relevant eingestuft wird. Personen mit Entscheidungsbefugnissen aus dem politischen Sektor haben somit die Möglichkeit, Förderungs-, und Unterstützungsprogramme großflächiger anzubieten.


Sozialunternehmer*innen sind in vielen Fällen noch sehr jung. Glaubst Du, dass sie von politischen Entscheidungsträger*innen ernst genommen werden?

Die meisten Sozialunternehmen sind nicht älter als zwei bis drei Jahre und viele davon wurden von Studierenden gegründet. Wir wurden mit SEND letztes Jahr im Dezember von den Regierungsparteien SPD und CDU in den Bundestag eingeladen, um über die Bedeutung des Sozialunternehmertums zu sprechen. Es kamen über 70 Leute, darunter Personen aus den Ministerien, Stiftungsbeauftragte, aber auch Mitglieder des Bundestages.

Ich glaube, dass sich allein daran erkennen lässt, dass wir durchaus ernst genommen werden. Der Trend ist da und in der Politik steigt das Interesse. In meiner persönlichen Erfahrung hat mir mein Alter eher dabei geholfen, genug Dummheit und Dreistigkeit zu besitzen, Ideen in die Tat umzusetzen.

Der richtige Lerneffekt trat aber erst dann ein, als mir bewusst wurde, wie viel Arbeit in so ein Projekt hineingesteckt werden muss.


Was war bisland Dein größter Lerneffekt?

Als ich anfing, mich mit Social Entrepreneurship zu beschäftigen, machte ich mir viele Gedanken über die Wege, die ich gehen könnte, um eine Veränderung zu bewirken, ohne dass das menschliche Zusammenleben dadurch in Mitleidenschaft gerät. Ich war so unmotiviert wie noch nie, denn ich empfand unglaublichen Tatendrang und Ehrgeiz zugleich, wusste aber nicht, wo ich anfangen sollte.

Dies war eine schwierige Zeit in meinem Leben. Damals wuchs meine Neugier zu Hackern und deren Experimentierfreudigkeit. Deshalb begann ich mich in dieses Themenfeld hineinzuarbeiten. Ich erstellte meine eigene Website und nahm darüber meine ersten Aufträge als Social Entrepreneur Experte an. Der richtige Lerneffekt trat aber erst dann ein, als mir bewusst wurde, wie viel Arbeit in so ein Projekt hineingesteckt werden muss. Es ist wirklich sehr viel Arbeit! Da kann man sich leider nichts vormachen.

Weltverbesserung oder Weltrettung kommt nicht dadurch zustande, dass wir uns alle lieb haben, Avocado Toasts essen und Yoga machen, sondern ist mit viel harter Arbeit und Hingabe verbunden. In dem Prozess musste ich meine Vorgehensweise sehr oft verändern und anpassen. Der Erfolg oder Misserfolg einer Idee hängt stark vom Antrieb, dem Durchhaltevermögen, der Willensstärke und der eigenen Überzeugung ab.

Trotzdem ist es wichtig, die Fähigkeit zu besitzen auch selbstkritisch sein zu können und an kleineren Baustellen zu feilen. Viele unterschätzen, was alles auf sie zukommt. Die oberste Maxime ist in meinen Augen zu aller erst das Lernen und nicht gleich Wirkung gestalten zu wollen.


Gibt es weitere Projekte, an denen Du derzeit arbeitest?

Aktuell ist eine verbesserte Ausgabe des Social Entrepreneurship Monitors 2019 geplant. Wir haben hier einige interessante und spannende Änderungen parat. Wir arbeiten gerade auch daran, neben AndersGründer und ChancenNutzer, neue Programme für das Social Impact Lab zu entwickeln und neue Möglichkeiten der Unterstützung zu schaffen.

Auch das Thema des Herauskristallisierens gesellschaftlicher Herausforderungen in Deutschland lässt mich nicht mehr los. Ich habe mir also auch das Ziel gesetzt, die Trends hierfür genauer unter die Lupe zu nehmen.


Welche Organisationen, Gruppen oder Projekte in der Rhein-Main-Region würdest Du weiterempfehlen?

Zum einen fördert beispielsweise die Gemeinwohl-Ökonomie Rhein-Main (GWÖ) ethische Wirtschaftsmodelle in der Region, zum anderen gestaltet auch Transition Town e.V. den nachhaltigen und solidarischen Wandel in der Stadt Frankfurt mit. Diese Projekte sind sehr spannend und lohnen sich, weiter verfolgt zu werden. Die unterschiedlichen unternehmerischen Ideen der Alumni und Stipendiat*innen des Social Impact Labs in Frankfurt, sind in diesem Zusammenhang ebenso nennenswert.


Changemaker:

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