Interview

Thomas Hahner

Unsere Genossenschaft und das Coworking soll ein Ort der gebündelten Fähigkeiten sein.

Hupf hahner baustelle

Job/Beruf

Drivve, Synthro, Matterial


Interessen

Agile Methoden, Authentizität, Bauen, Genossenschaften, Organisationsentwicklung, Philosophie, Selbstorganisation, Selbstversorgung, Suffizienz, Wissenstransfer
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Thomas Hahner ist Gründer der synthro Genossenschaft und des Co-Working-Spaces M1 in Mainz. Er wurde 1972 in Mainz geboren, verbrachte einige Jahre in München und in den USA und lebt heute wieder in Mainz. Hahner ist ausgebildeter IT Techniker, Business Management Coach und Mediator. 1994 gründetet er die IT Firma drivve, die er heute noch in der Geschäftsleitung betreut. Seine gesellschaftlichen Überzeugungen, der Kontakt zur Gemeinwohlökonomie und der Transition Town Bewegung brachten ihn dazu, die synthro Genossenschaft und das M1 zu gründen.


Wie kam es zu der Idee des M1?
Um 2011 hatte ich meine IT-Firma in den USA und bereits zwei Kinder. Ich war so viel am Pendeln, dass ich mich zurück nach Mainz sehnte. Ursprünglich komme ich aus Nieder-Olm und fühle mich hier in der Gegend zu Hause. Ich entwickelte das starke Bedürfnis, in meiner Heimat etwas zu bewirken. Zu dieser Zeit hatte ich in Mainz allerdings noch keinerlei Netzwerk. Das beschloss ich zu ändern, damit ich Dinge, die mir hier wichtig sind, leichter umsetzen kann.

Man muss es sich einfach vorstellen können.


Was gab den Anstoß, die Idee in die Tat umzusetzen?
Auf Suche nach Inspiration ging ich 2013 nach Berlin. Der Wunsch, einen gesellschaftlichen Wandel mitzubewegen wurde immer größer und da wurde mir schnell klar, dass das alleine mit Software, meinem eigentlichen Arbeitsbereich, nicht funktionieren würde. In Berlin lernte ich dann die Firma Upstream kennen – einen der ersten Coworking-Space-Anbieter.
Zurück in Mainz sah ich auf der Mombacher Straße zum ersten Mal die Hallen, in denen sich heute das M1 befindet, mit dem Schild „zu vermieten“. 2014 war auch schon der Mietvertrag unterschrieben.

Vor dem Mietvertrag gab es sicher einige Dinge zu klären, oder?
Ja, wir haben uns gefragt, was alles zu beachten ist und hatten erstmal keine Ahnung (lacht). Wir wussten, dass wir eine Mischung brauchten aus Büros, Veranstaltungen und einer Co-Working-Fläche, die uns die Miete einigermaßen vorfinanziert. Das Konstrukt haben wir durchgespielt und es hat funktioniert.
Dass wir als Geschäftsform die Genossenschaft wählten war der letzte Punkt, der den Kreis schloss. Den Namen synthro hatte ich schon lange im Kopf: Einen Ort, an dem sich die unterschiedlichsten Menschen treffen und miteinander verbinden – und entweder zusammen etwas ganz Neues gründen oder weiterhin Teil des Gefüges bleiben. Wir wollten ein Gefäß schaffen, das das schnelle Austesten von Prototypen ermöglicht.
Als wir uns zusammen zum ersten Mal die Hallen ansahen war es ganz wichtig, dass wir eine Vision entwickeln. Man muss es sich einfach vorstellen können. Sei es in Bezug auf den eigenen Weg, die Räumlichkeiten oder die Organisationsstruktur.

Wir möchten gebündelte Fähigkeiten und das schnelle Austesten von Prototypen ermöglichen.

Wie kam es zu dem Konzept der synthro?
Mein damaliger Kollege zeigte mir ein Video: Zwei ineinander gesteckte Zylinder zwischen denen eine zähe Flüssigkeit wie Glycerin gefüllt ist. In der Flüssigkeit befinden sich zwei kleine Tintenkleckse. Fängt man nun an die Zylinder umeinander zu drehen, so bilden die Klekse Fäden und verwickelte Strukturen und es ist keine Ordnung mehr zu erkennen. Dreht man anschließend die beiden Zylinder in die andere Richtung, werden wieder zwei getrennte Tintenkleckse sichtbar. Das Experiment stammt von David Bohm, er nennt es das Prinzip der verhüllten Ordnung. Diese Metapher hat mich sehr für die synthro inspiriert. Zwei oder mehrere Menschen sollen sich treffen und sich verbinden. Was der eine nicht kann, das kann der andere. Ob das Gespräche mit Banken, Gestaltung oder ähnliches ist. Für zwei Einzelpersonen ist das ganz schwierig, für ein Team und die gebündelten Fähigkeiten jedoch nicht mehr.

Die Tatsache, dass es eine Genossenschaft wurde, habe ich Felix Weth, dem Gründer von fairmondo, ehemals fairnopoly, zu verdanken. In Berlin kam ich mit dem Netzwerk der dortigen Genossenschaften in Kontakt und mir wurde schnell klar, dass wir die synthro auch so aufbauen sollten. Nach der beschlossenen Idee habe ich alle Menschen kontaktiert, von denen ich dachte, dass sie dazu passen könnten. Im Oktober haben wir uns dann das erste Mal getroffen und dann im Januar mit 19 Gründungsmitgliedern die synthro eG gegründet. Mittlerweile sind sind wir knapp 75 Genossenschaftsmitglieder.

Was ist die Motivation der Menschen, die in die Genossenschaft eintreten?
Das sind ganz verschiedene Gründe. Nicht alle benutzen auch die Räumlichkeiten. Wir hatten z.B. vor einer Weile einen Autarkie-Workshop mit Wohnwagon aus Österreich. Zum Workshop kamen 20 Personen, einer von ihnen war Zugführer bei Vlexx. Er wohnte gegenüber und war so begeistert, dass er beigetreten ist. Andere zahlen ihre Beiträge damit die Aktionen stattfinden können und sich die Struktur festigt.

Was ist das spannendste, das aus M1 und synthro entstanden ist?
Was aus dem M1 und der synthro entstanden ist, passt zu der Vision des Zylinders mit den Tintenklecksen.

Ein schönes Beispiel für solch ein Format ist die „Lebenswerkstatt“. Zu den drei bis vier Vorträgen am Wochenende kommen regelmäßig 50-60 Teilnehmer, die sich zu einem Thema austauschen. Der große Erfolg der vielen Events hat uns darin bestärkt, in Kürze unseren eigenen Eventraum direkt neben dem M1 anzumieten. Der kann dann von uns genutzt oder auch extern gemietet werden.
Der Koch in der Sterneküche Felix Blum kam durch das Yogaangebot zu uns und hat hier seinen Ort gefunden an dem er sich entwickeln kann. Sein Projekt „Peacefood“ ist hier entstanden.

Ein anderes, sehr schönes Projekt ist das „Glashaus“. Ann-Katrin Weber und Sebastian Hörz sind beide Ende 20 und kommen aus Wiesbaden. Sie beschäftigen sich mit dem Thema „vertikal farming“ und wollten eigentlich nur unsere Halle mieten um dort Gemüse anzubauen. Wir waren sofort begeistert von der Idee und haben gefragt, ob wir ihnen dabei helfen können. Nach einem knappen Monat haben sie sich dann entschieden, ihre gesammelten Erfahrungen und ihre Bachelorarbeit in ein gemeinsames Projekt mit der synthro eG zu stecken.

Das „Glashaus“ ist wohl das beste Beispiel dafür, wofür der Ort geschaffen wurde. Innerhalb von drei Monaten haben sie dafür gesorgt, dass wir in unserem Keller eine „Vertikal Farm“ stehen haben. Heute züchten wir unsere Keimlinge und beliefern bereits die Sternegastronomie in Mainz.

Was glaubst Du, hat den Stein ins Rollen gebracht?
Möglich war der beschriebene Ablauf nur, weil verschiedene Faktoren zusammenkamen: Felix als Koch in der Sterneküche und offener Mensch war mit seinen Kontakten zur Stelle, das M1 hatte die Räumlichkeiten und die synthro eG hatte die finanziellen Möglichkeiten, um die beiden für drei Monate zu finanzieren.
Nun haben wir den Investitionsplan und sind aktiv auf der Suche nach einem Ort, der ein 350m² Glashaus beherbergen kann.

Das Projekt bewegt mich persönlich, da ich eng mit Permakultur verbunden bin und mit meiner Lebensgefährtin als Selbstversorger lebe. Micro greens aus dem Glashaus sind ja komplett ohne Erde gewachsen und trotzdem können wir sie essen. In dem ganzen Prozess kann man aber trotzdem überlegen, wie man die Umsetzung so natürlich wie möglich gestaltet – beispielsweise mit Komposttees statt regulärem Dünger.

Wir möchten offen sein für die verschiedensten Denkweisen und nicht in einer „Blase“ leben. Das ist auch das, was wir uns von dem neuen Eventspace erhoffen: Die Öffnung hin zur Kultur.

eventually everything is connected

An so einem Ort lernt man viel über gemeinsames Arbeiten und Strukturen…
Allerdings. Für mich war es immer eine wichtige Frage, wie Unternehmen hierarchiefrei gestaltet werden können. Es gibt nach Außen Strukturen wie Aufsichtsrat etc., die da sein müssen. Aber nach Innen bin ich einfach nicht der Meinung, dass ich bestimmen sollte, wer wieviel Geld oder einen Zuschuss bekommt. Da wünsche ich mir ganz viel Eigeninitiative und gemeinsame Entscheidungen.

Was hat Dir bei der Umsetzung am meisten geholfen?
Das Vertrauen, dass Dinge sich anziehen, nach dem Motto „eventually everything is connected“.....


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Changemaker: Thomas Hahner

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