Interview

Valentin Thurn spricht über seine Herausforderungen und aktuellen Projekte

Die Aufnahme für komplizierte Sachverhalte ist bei Menschen am ehesten gegeben, wenn sie emotional berührt werden.


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Valentin Thurn ist Filmemacher und drehte über 40 Dokumentationen fürs Fernsehen, vor allem für ARD, ZDF und ARTE, darunter viele preisgekrönte. Sein Film „Taste the Waste“ war einer der erfolgreichsten Dokumentarfilme in den deutschen Kinos 2011. Er gewann den Umwelt-Medienpreis der Deutschen Umwelthilfe und weitere 15 Preise im In- und Ausland. Zum Thema Lebensmittelverschwendung hat Thurn 2011 das Buch „Die Essensvernichter“ geschrieben, 2012 das „Taste the Waste“-Kochbuch, sowie 2013 den Nachfolgefilm „Die Essensretter“ gedreht, der ebenfalls zahlreiche internationale Preise gewann, darunter den Econsense Journalistenpreis. 2003 gründete er die Produktionsfirma THURN FILM.

Valentin Thurn gründete 1993 mit Journalisten aus über 50 Ländern die „International Federation of Environmental Journalists“ und hat den foodsharing e.V. mitgegründet. Außerdem ist er Vorsitzender des Kölner Ernährungsrates und leitet den "Taste of Heimat e.V.", der die Idee der kommunalen Ernährungsräte im deutschsprachigen Raum verbreiten und unterstützen will. Sein neuester Film 10 Milliarden geht der Frage nach, wie die wachsende Weltbevölkerung ernährt werden kann.


Das Interview mit Valentin Thurn

Ich glaube, Filme haben die Möglichkeit, Menschen nicht nur auf der Verstandesebene zu erreichen, sondern auch bis zu den Emotionen vorzudringen.

Was war Deine Motivation, Filme zu drehen?

Ich glaube, Filme haben die Möglichkeit, Menschen nicht nur auf der Verstandesebene zu erreichen, sondern auch bis zu den Emotionen vorzudringen. Die Aufnahme für komplizierte Sachverhalte – und die Welt ist kompliziert – ist bei Menschen am ehesten gegeben, wenn sie emotional berührt werden.

Was waren die Herausforderungen und wie bist Du damit umgegangen?

Die allgemeine Problematik bei den Themen die ich behandle, sei es bei Taste The Waste, die Lebensmittelverschwendung, oder bei meinem aktuellen Film, die Welternährung, ist ein Publikum dafür zu finden. Wie erreiche die Menschen? Das ist die große Herausforderung.

Bei Taste the Waste war es nicht mein Anliegen, eine einzige Person oder einen Supermarkt vorzuführen, sondern zu zeigen, dass hinter der Verschwendung ein System liegt. Die Schwierigkeit bei der Umsetzung war nun, dass natürlich die wenigsten Bauern oder Supermarktleiter bereit waren, sich bei dem Wegwerfen von Lebensmitteln filmen zu lassen. Das war und ist sozial schlecht angesehen. Wir mussten wirklich lange suchen bis wir einzelne Protagonisten gefunden haben, die sagten: „Wir sind zwar Teil des Systems, aber wir sind damit nicht einverstanden und wollen, dass diese Verrücktheiten in der Öffentlichkeit gezeigt werden.“


Das globale Problem der Welternährung – davon bin ich überzeugt – hat lokale Lösungen.

Was sind Deine aktuellen Projekte?

Mein letzter Film mit dem Titel 10 000 000 000, beschäftigt sich mit der Überbevölkerung und Welternährung: Laut Prognosen wird die Weltbevölkerung bis 2050 auf 10 000 000 000 anwachsen. Wie können all die Menschen ernährt werden? Das globale Problem der Welternährung – davon bin ich überzeugt – hat lokale Lösungen.

Der Film soll zeigen, dass es sich nicht um ein abstraktes Problem handelt, sondern mit dem Konsumverhalten jedes einzelnen zu tun hat. Ernährungssouveränität ist ein wichtiges Stichwort, da die Menschen in den sogenannten Entwicklungsländern Hunger leiden, wenn sie fremdbestimmt werden. Aber es ist ebenso wichtig für uns. Die Tatsache, dass wir alles zu jeder Zeit haben können und wollen macht uns abhängig vom Weltmarkt und sorgt für eine große Krisenanfälligkeit unseres Systems. Deshalb sollten wir uns wieder stärker auf den lokalen Markt besinnen.


Film und Aktion gehören bei mir immer zusammen.

Du verbindest Deine Filme meist mit direkter Tatkraft.

Ja, in den letzten Jahren habe ich meine großen Filme stets mit Kampagnen verbunden. Daraus sind zwei Vereine entstanden. Einer, Foodsharing, hat sich bereits weltweit ausgebreitet. Der zweite, Taste of Heimat, hat ein für Köln wichtiges Projekt gestartet: den Ernährungsrat für Köln und Umgebung. Wir wollen ein Netzwerk schaffen für alle, die sich mit Ernährung beschäftigen. Film und Aktion gehören bei mir immer zusammen.

Was muss Kunst oder das Medium Film erfüllen, um gesellschaftliche Veränderung anzustoßen? Ist das für Dich ein Kriterium, das Kunst prinzipiell erfüllen sollte?

Ich kann schlecht sagen, was andere unter Kunst verstehen oder verstehen sollen. Der politische Ansatz gilt nicht für jeden. Kunst um der Kunst willen stand für mich nie zur Debatte. Dennoch glaube ich, dass jede ästhetische Vorstellung – auch, wenn sie sich davor drückt politisch Stellung zu beziehen – trotzdem politisch ist, weil sie über die gewöhnlichen Sichtweisen hinausgeht. Somit ist Kunst per se ein Medium um gesellschaftliche Veränderung anzustoßen, auch wenn der Künstler es vielleicht gar nicht so intendiert. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung im Bereich der Lebensmittel ist der Fotograf Klaus Pichler, mit dem wir zusammengearbeitet haben. Er fotografiert Lebensmittel in ästhetischer Weise beim Schimmeln. Da haben viele gefragt: „Was hat das denn mit dem Thema Lebensmittelverschwendung zu tun?“ Mir war aber sofort klar, dass das die Auseinandersetzung mit dem natürlichen Verlauf der Lebensmittel ist, den wir in der Stadt gar nicht mehr mitbekommen, weil alles aseptisch verpackt ist. Und bevor ein Verfallsstadium erreicht werden kann, wird weggeworfen, weil wir uns eher auf ein aufgedrucktes Datum, als auf unsere Sinne verlassen.


Ich habe nichts gegen Wirtschaft, aber dann muss es eine reale Wirtschaft sein. Aktuell ist unser gesamtes Wirtschaftssystem nicht nachhaltig und unsere Landwirtschaft schon gar nicht.

Viele reden von "Nachhaltigkeit". Ist der Begriff für Dich überhaupt noch brauchbar?

Nachhaltigkeit ist leider ein gruselig abgenutztes Modewort. Wir sind ja gerade weltweit gereist, um uns über die Landwirtschaft der Zukunft zu informieren und haben bewusst nicht nur ökologische Vorreiter besucht, sondern auch die industriellen Größen. Das erstaunliche: Der Begriff „Nachhaltigkeit“ fiel überall. Besonders interessant war, dass er auch bei denen fiel, die mit ökologischer Nachhaltigkeit überhaupt nichts am Hut hatte. Sie hatten einfach nur die ökonomische Nachhaltigkeit im Sinn. Nach dem Motto: „Ich will ja hier noch in 20 Jahren wirtschaften, also muss mein Unternehmen rentabel sein.“ So kann man Nachhaltigkeit natürlich auch sehen. Dann wird es aber irgendwann völlig inhaltsleer. Ich glaube, wenn der Begriff irgendwie Sinn ergeben soll, dann muss die ökologische Nachhaltigkeit mit eingeschlossen sein. Ich habe nichts gegen Wirtschaft, aber dann muss es eine reale Wirtschaft sein. Aktuell ist unser gesamtes Wirtschaftssystem nicht nachhaltig und unsere Landwirtschaft schon gar nicht.

Das Unbehagen steigt aber so sehr, dass das System anfängt sich zu ändern.

Wie sind Deine Prognosen für die Zukunft?

Die Beschäftigung der Menschen – gerade junger Menschen – mit ihrem Essen ist ein Megatrend, den ich seit 5 Jahren beobachte. Das ist keine Mode, die wieder verschwindet, sondern es gibt wirklich ein steigendes Unbehagen gegenüber der industriellen Erzeugung von Lebensmitteln. Dann ist der Verbraucher aber auch gleichzeitig wieder schizophren und kauft aus Bequemlichkeit trotzdem den Scheiß ein. Das Unbehagen steigt aber so sehr, dass das System anfängt sich zu ändern. Ich drücke das vorsichtig aus, weil die Marktforschung immer noch sagt, dass die Kunden nach Preis aussuchen. Es ist noch keine Mehrheit, aber 25 % sind empfänglich für Fragen wie: „Wo kommt mein Essen her?“. Das ist weit mehr als in den Jahren davor und macht Hoffnung.

Was fällt Dir ein, wenn Du an Köln denkst?

Köln ist eine ganz typische Großstadt. Wir haben kein besonders nachhaltiges Ernährungssystem. Im Gegenteil: Es wird extrem viel aus allen Teilen der Welt nach Köln gekarrt. Positiv ist, dass das Thema Bürgerbeteiligung stärker ausgebaut worden ist als in vielen anderen Großstädten. Ein Geheimtipp für EntdeckerInnen ist der Gemeinschaftsgarten Neuland – da kann jeder partizipieren und sich austauschen.

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