Interview

Christian Jakob

Unsere Hemden stehen für Lebensfreude und Qualität. Dass bei der Produktion niemand leidet, sollte selbsverständlich sein.

Cj klein

Job/Beruf

Herr Jakob ( Art Director und Konzepter), Schönwetterfront (Gründer)


Interessen

Digitale Nomaden, Digitales Marketing, Eco-Design, Grünes Wohnen, Kleidung, Kreativität, Kultur, Marketing, Müllfrei, Regionalität
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Zusammen mit Rebecca Schmalenbach hat der Designer Christian Jakob Schönwetterfront – das erste deutsche Hawaiihemd-Label – gegründet. Statt tropischer Blumen zieren diese Hemden etwa Hopfen und Malz, Löwenzahn, Weinlaub oder Lilien. Über die letzten vier Jahre hat er viel in Bezug auf Produktion, Finanzierung, Marketing und den flow, den man einfach zulassen muss, gelernt.

Interview: Daniela Mahr, Februar 2019
Foto: Schönwetterfront


Wir tragen die Hemden aus Überzeugung.

Wie kommt man dazu, deutsche Hawaiihemden herzustellen?
Ich liebe Hawaiihemden, mittlerweile habe ich mehr als 20 in meinem Schrank. Im Sommer trage ich sie ausschließlich. Und im Winter ziehe ich einfach ein Longsleeve drunter. Sie werden auch in Deutschland immer beliebter und man findet mittlerweile fast jährlich einen Bericht in Lifestyle- und Mode-Magazinen. Unsere Motivation lag aber nicht darin, einem Trend zu folgen. Es ist vor allem eine persönliche Vorliebe. Wenn ich eines trage werde ich immer wieder gefragt, ob ich denn gerade Urlaub hätte. Darauf antworte ich, dass ich jeden Tag so aussehe, als hätte ich Urlaub. Das ist eine Botschaft, die mir gefällt. Ich kenne kein anderes ganzjährig tragbares Kleidungsstück, bei dem man direkt an Strand, Meer und Sonnenschein denken muss. Das klassische Hawaiihemd mit seinen oft sehr schrillen Mustern ist im eher grauen und ernsten Deutschland keine Alltagskleidung. Man sieht es auch oft als Verkleidung. Bei mir und unseren Kunden sieht das anders aus: Wir tragen die Hemden aus Überzeugung und lieben sie.

Wie kamst Du auf die Idee?
Angefangen hat es bei mir, als ich in meiner Arbeit als Designer nach neuem graphischem Input und einem persönlichen Projekt suchte, bei dem ich mich austoben konnte. Beim Spaziergang über den Wiesbadener Marktplatz, sah ich die Fahne mit dem Stadtwappen, gelbe Lilien auf blauem Grund, und dachte mir, dass das doch auch ein schickes Hawaiihemd wäre. Ich fing dann einfach an zu gestalten und zu illustrieren. Statt der Wiesbadener Lilie habe ich eine richtige Lilie illustriert, die dann zum Prototypen wurde. Mir gefiel es sehr und ich dachte mir, dass ich so ein Hemd selbst gerne tragen würde. Im nächsten Schritt kam ich von den Wiesbadener Lilien auf ganz Deutschland und habe mich gefragt, wie denn ein deutsches Hawaiihemd ohne die tropischen Elemente aussehen könnte.

Was gab den letzten Anstoß, die Idee umzusetzen?
Ein Freund sagte zu mir: „Die Idee ist so verrückt, mach das!“ Zu der Zeit hatte ich noch diverse andere Ideen für Apps und ähnliche Dinge, mit denen man auch hätte Geld verdienen können, aber ich hatte einfach große Lust auf die Hemden.

Mit wem hast Du es schließlich in die Tat umgesetzt?
Als ich die Entscheidung traf stand ich vor der Frage, wie ich an individuell bedruckten Stoff kommen kann und wer die Hemden nähen könnte. Mit meiner heutigen Kollegin und guten Freundin Rebeca arbeitete ich in einer Agentur, in der es auch eine Schneiderei gibt. Rebeca ist gelernte Schneiderin und im ersten Jahr hat sie alle bestellten Hemden nach Feierabend selbst genäht – alle 155 Stück. Wir beide ergänzen uns toll, weil ich mich um Design und Marketing und sie sich um Produktion und Versand kümmert. Zusammen haben wir das Label ‚Schönwetterfront‘ gegründet.

Zum Testen ist ein Crowdfunding großartig, da man sofort erfährt, auf welche Resonanz eine Idee stößt.

Was waren dann die nächsten Schritte?
Wir wollten erstmal schauen und testen, wie die Idee ankommt. Eine befreundete Modedesignerin hat dann den ersten Schnitt für den Prototypen erstellt.
Daneben habe ich einen Blog gestartet und Muster ausprobiert.
Nach der ersten Kalkulation sahen wir, dass wir für die erste kleine Kollektion zehntausend Euro benötigen würden, doch diese Summe hatte niemand von uns in der Portokasse. Ein Kredit war uns für ein Testprojekt zu heikel. Wir haben uns dann für Crowdfunding entschieden. Zum Testen ist ein Crowdfunding großartig, da man sofort erfährt, auf welche Resonanz eine Idee stößt. Uns hat es auch ermöglicht, von Anfang an kostendeckend zu arbeiten.
Das erste Jahr bestand hauptsächlich darin zu schauen, wie unsere Idee ankommt und im zweiten Jahr ging es um den Ausbau des Geschäfts. Dann kamen die Kappen und weitere T-Shirts mit ins Sortiment.

Am Anfang gab es durchaus auch kritische Stimmen, oder?
Oh ja! Besonders spannend war es, als wir mit dem Hessischen Rundfunk in Wiesbaden unterwegs waren und Passanten zu unseren Hemden befragten. Das war durchaus eine Überwindung für mich. Nicht nur, weil ich in der Fußgängerzone Menschen vor laufender Kamera zu meinen Entwürfen befragen sollte, sondern auch, weil ich die Befürchtung hatte, dass die Wiesbadener im Allgemeinen nicht so aufgeschlossen gegenüber Hawaiihemden sind. Den Wiesbadenern sagt man ja nach, eher etwas spaßbefreit zu sein. Tatsächlich wurden mir in Wiesbaden während der Gründungsphase sehr kritische Fragen gestellt wie: „Laut Google-Suche zu deutsche Hawaiihemden besteht keine Nachfrage. Warum macht Ihr das dann?“ Doch wer soll denn danach suchen, wenn es etwas noch gar nicht gibt?

Eure Hemden haben ein jeweils eigenes Motto. Merken das die Leute gleich?
Bei der Umfrage fielen den Menschen immer zuerst die Hawaiihemden und erst bei weiterer Nachfrage das ungewöhnliche Muster auf. Die Herren kamen dann meisten sofort darauf, dass auf dem Hemd zum Beispiel Hopfen und Malz abgebildet waren. Erst beim zweiten Blick wurde ihnen klar, dass es sich um etwas Untypisches und kein normales Hawaiihemd handelt.
Das Hemd, das ich heute trage enthält zum Beispiel die sieben Kräuter der hessischen Grünen Soße. So überlegen wir uns immer wieder neue Mottos und Motive, die ein Stück Heimat widerspiegeln. Ich verpacke das in einem Muster und ordne es wie bei einem Hawaiihemd an, aber immer in unserem eigenen Stil.

Seitdem ich das Label habe und mich noch intensiver mit der Produktion von Kleidung auseinandersetze, kaufe ich selbst auch anders ein.

Welche Gedanken habt Ihr Euch zur Produktion gemacht?
Das war von Beginn an ein sehr wichtiges Thema. Wir sehen ja in der Presse, dass unsere Kleidung, im besten Fall in Portugal oder der Türkei, meistens aber in Südostasien und unter sehr unschönen Bedingungen hergestellt wird. Das wollten wir von Anfang an nicht. Für unser Hawaiihemd haben wir uns gewisse Ziele gesetzte: Der Stoff sollte in Deutschland bedruckt und genäht werden, nach Möglichkeit sollten alle Bestandteile aus Deutschland kommen. Seit diesem Jahr nutzen wir auch Bio-Baumwolle. Mit den Zertifikaten ist es etwas schwierig, weil der Stoff zertifiziert ist, der bedruckte Stoff dann allerdings nicht mehr. Da es eine Grauzone ist, sind wir lieber vorsichtig und schreiben es nirgendwo drauf. Alleine durch das Made in Germany können wir aber zumindest ausschließen, dass irgendwo auf der Welt kleine Kinder unsere Hemden genäht haben.
Für unsere Hemden braucht man knapp 2 Meter Stoff. Der Meterpreis unserer Stoffe fängt bei kleiner Abnahmemenge bei 28 Euro an. Ohne die Hand dranzulegen, hat man schon 56 € ausgegeben. Jetzt stell Dir vor, dass Du bei H&M ein Hemd für 15 Euro bekommst. Da wird mir schwindelig, wenn ich an die Bedingungen denke, unter denen es hergestellt wurde. Früher habe ich immer mal wieder einfarbige T-Shirts dort gekauft. Seitdem ich das Label habe und mich noch intensiver damit auseinandersetze, kaufe ich anders ein. Meine Shirts kaufe ich mittlerweile bei Grundstoff. Das sind bezahlbare Preise und trotzdem weißt Du, dass dafür niemand leiden musste.
Wir hatten im Rahmen der Fashion Revolution Week in Mainz den Film „The True Cost“ angesehen. Spätestens seitdem möchte ich nichts anderes als Bio-Baumwolle oder andere nachhaltige Materialien tragen.
Um die Stoffe bestmöglich zu nutzen, haben wir in den ersten zwei Jahren auf Bestellung geschneidert. Unsere Kunden mussten sich an längere Wartezeiten als beim Onlineshopping üblich gewöhnen, weil wir im wahrsten Sinne slow-fashion produzieren. Wenn jemand bestellt und das Hemd nicht vorrätig ist, dann wird es für die Person produziert und das dauert eben seine Zeit.

Was waren Deine größten Lerneffekte bislang?
Um etwas zu erreichen braucht es viel Herzblut und einen hohen Zeitaufwand. Vor einiger Zeit erzählten wir auf einem Gründertreffen von unserem Crowdfunding und wir stellten fest, dass es bei vielen scheitert. Wir haben es geschafft und damit unsere erste Finanzierung erhalten. Aber nur, weil wir wirklich sehr viel Zeit und Arbeit investiert haben. Es ist von großem Vorteil, wenn man etwas verkauft, dass es noch nicht gibt. Gleichzeitig sind sehr viele Dinge durch Zufälle oder eine Aneinanderreihung von Ereignissen passiert....

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Changemaker: Christian Jakob

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